„Das einzigste, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass ich ein Verlierer bin“, so soll sich der ehemalige Schüler der Geschwister-Scholl-Ganztagsrealschule in Emsdetten in einem Schreiben, das er im Internet veröffentlicht hat, geäußert haben. Frau Sommer, die NRW-Bildungsministerin, war sich in der Tagesschau sicher, dass es sich „um einen Einzelfall“ handele. Sie scheint sich ganz sicher zu sein, dass kein System dahinter steckt, wenn junge Menschen meinen, sich an der Schule rächen zu müssen. Dass es nicht die „Beschämungsschule“ (wie
Reinhard Kahl sie nennt) ist, die aus Menschen gemeingefährliche Loser macht. Bestimmt sind die Kolleginnen und Kollegen an der Geschwister-Scholl-Schule genau wie die Kolleginnen und Kollegen an anderen Schule besten Willens, die ihnen anvertrauten Schülerinnen und Schüler nach Kräften zu fördern. Für mich liegt der Fehler im System: Solange Schulen Bestandteil des großen Selektionsprozesses sind, in dem dafür gesorgt wird, dass Chancen weiterhin ungleich verteilt werden, solange nach Herkunft und „Bildungshintergrund“ sortiert wird, nach Noten gelernt wird (oder auch nicht), mit Sitzenbleiben und anderen Arten der Beschämung bestraft wird, so lange produziert dieses Schulsystem Menschen, deren Wut irgendwann so groß ist, dass Dinge passieren wie heute in Emsdetten. Solange dieses Schulsystem sich nicht bemüht, das einzelne Individuum in den Mittelpunkt zu stellen, diesem zu helfen, das ihm eigene Potenzial voll auszuschöpfen und ein erfolgreiches Mitglied der Gesellschaft zu sein, solange werden wir wohl Angst um unsere schulpflichtigen Kinder haben müssen.