„Eine Schule für Alle“ kann Vieles bedeuten.
Es kann die Forderung sein nach gemeinsamer Beschulung von normalen und behinderten Kindern. Es kann damit der Wunsch ausgedrückt werden nach gemeinsamem Unterricht für deutsche Kinder und die Kinder von Migranten („Ausländerkinder“). Auch die Ansicht, dass Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft, unterschiedlicher Religion oder unterschiedlicher Hautfarbe gemeinsam die Schule besuchen sollten, kann mit der Forderung „Eine Schule für Alle“ ausgedrückt werden.
Und in all diesen Facetten ist das „Eine Schule für Alle“ hier auch gemeint, besonders aber in der folgenden Bedeutung: Aufhören mit dieser krankhaften Sortiererei von Kindern, egal nach welchen Kriterien. Im deutschen Schulsystem werden Kinder schon nach 4 - 6 Schuljahren in unterschiedliche Schulformen sortiert, die alle unterschiedliche Wege vorgeben. Und damit sind immer auch unterschiedliche Chancen verbunden. Das ist der eigentliche große Skandal, den die PISA-Studie deutlich gemacht hat: Frühe Zuweisung zu bestimmten Schultypen bedeutet ChancenUNgleichheit. Längeres gemeinsames Lernen hingegen verbessert die Chancen gerade der Kinder, die sozial benachteiligt sind und daheim nicht die Unterstützung bekommen wie Kinder der so genannten „bildungsnahen Schichten“.
Allerdings ist „Eine Schule für Alle“ im Grunde genommen nur ein Puzzleteil von vielen. Zwar kann allein der Verzicht auf Selektion (= Aussortierung) schon sehr viel Gutes bewirken, und eine gute Schule wird ohne diesen Verzicht nicht auskommen können, aber zum Gesamtbild der „guten Schule für Alle“ gehören weitere Teile.
Soziale Wesen kann man nur in sozialen Zusammenhängen formen. Deshalb muss Schule die Gesellschaft widerspiegeln. Wer bestimmte Teile der Gesellschaft aus der Schule ausgliedert, kann nicht dazu beitragen, dass das Zusammenleben in der Gesellschaft besser klappt. Alle periodisch auftauchenden Appelle an Schule, sich etwa mehr dem Bereich der Behinderung (in den 80er Jahren) oder dem Zusammenleben mit Ausländern (in den 90er Jahren) zu widmen, bleiben Schall und Rauch, wenn beispielsweise Behinderte und Ausländerkinder aus bestimmten Schultypen aussortiert beziehungsweise ferngehalten werden. Eine gute Schule muss Verschiedenheit als Bereicherung begrüßen und nicht als Hemmschuh diffamieren.
Die Schlüsselbegriffe für eine gute Schule lauten Respekt und Verantwortung. Respekt vor den Schülern heißt, sie als Menschen und Personen ernst zu nehmen, sie nicht als Massenware zu behandeln und alle über einen Leisten zu messen, sie individuell zu fördern und - sie nicht zu beschämen. Das heißt auch, dass Respekt, den Lehrer von Schülern erwarten, verdient werden muss, genauso, wie die Schüler sich des Respekts als würdig erweisen müssen. Die Entwicklung eines Gefühls von Verantwortung kann von Schülern nur erwarten, wer sich für sie verantwortlich fühlt. Lehrer und Schulen müssen sich verantwortlich fühlen für den Erfolg ihrer Schüler. Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, junge Menschen nicht erfolgreich zu machen und nicht mit der besten verfügbaren Bildung im Rucksack ins Berufsleben zu schicken.
Die CDU beschimpft die "Schule für Alle" gern als Einheitsschule oder gar als „Einheitsbrei“ (NRW-CDU-Chef Rüttgers). Tatsächlich ist die Schule für Alle im beschriebenen Sinne eine Schule der Vielfalt, wie die Beispiele aus Skandinavien zeigen. Wer ein Schulsystem verteidigt, in dem soziale Herkunft mehr wiegt als individuelle Intelligenz und Leistungsvermögen, der befindet sich gedanklich in vordemokratischer Zeit (und hat vermutlich kein Kind auf einer Hauptschule). Das bestehende Schulsystem ist undemokratisch und inhuman, und es tut nicht nur den Schülern nicht gut, sondern auch den Lehrern, die häufig an den Folgeerscheinungen der Selektion und der Fremdbestimmheit ausbrennen, verhärten und verbittern.
Viele gute Ansätze hier in Deutschland lassen hoffen, und machen Mut für einen langen, schwierigen Weg!