Wieder ist es passiert. Mein herzliches Mitgefühl allen Betroffenen. Wieder hat ein junger Mann versucht, sich wichtig zu machen, seine vermutlich vielfach erfahrene Unwichtigkeit zu überwinden. Und wieder wird nach dem Verbot von Gewaltspielen gerufen (was richtig ist, aber sicher wenig bringt). Wieder ruft man nach Schulpsychologen, als wären unsere Schüler nicht täglich von gut ausgebildeten Lehrern umgeben, die ihre Pappenheimer doch kennen. Rufen wir nach Verkehrspsychologen, wenn die Straßen in schlechtem Zustand sind? Der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen sagt, es gehe darum, mehr Zeit für einander zu haben. Hat die Schule diese Zeit? Was hat die deutsche Schule aus PISA gelernt? Nicht, dass man sich mehr Zeit für den einzelnen Schüler nehmen muss (was die Fachleute als Individualisierung bezeichnen), sondern dass die Leistungsschraube stärker angezogen werden muss, um international wieder den Anschluss zu kriegen. Stärker denn je wird für den nächsten Test, die nächste Klassenarbeit, den nächsten PISA-Test gelernt. Leistungsüberprüfungen dienen nicht dazu, den Schülern Erfolgserlebnisse zu ermöglichen, sondern ihnen zu zeigen, wie „schlecht“ sie sind, und sie auseinander zu sortieren. Zeit für einander zu haben ist für viele Lehrer ein schöner Traum, gibt es doch an vielen Schulen nicht einmal eine regelmäßige Klassenstunde, in der über die Probleme der Schüler gesprochen werden kann. In einem WDR-Interview wurde Frau Sommer gefragt, ob es nicht gut wäre, die Selektion (also die Aufteilung der Schüler nach Klasse 4 auf verschiedene Schultypen, was für viele Schüler ein erstes großes Versagenserlebnis ist) zurückzufahren. Sie antwortete darauf, dass das gar nicht ihr Problem sei, ihr komme es erst einmal auf guten Unterricht an. Es gibt aber Dinge, die kann man nicht durch Unterricht lehren, zum Beispiel das Gefühl, wichtig zu sein, als Mensch ernst genommen zu werden. Er habe in der Schule nur beigebracht bekommen, dass er ein Verlierer sei, schreibt Sebastian im Internet. Solange die Schule Kinder und Jugendliche durch ständige Belehrung, Gängelung und negative Bestärkung beschämt, solange Unterricht wichtiger ist als die Menschen, für die er veranstaltet wird, solange habe ich nicht viel Hoffnung für das deutsche Schulwesen. Es nützt auch nichts, die „Obrigkeit“ (wie man die Behörden hier im Münsterland ja wohl nennt) anzurufen und Psychologen zu fordern. Wir alle, und besonders die Lehrer, müssen den Psychologen in uns wiederentdecken, ihn ernst nehmen und Verantwortung für andere übernehmen, besonders für die uns anvertrauten Kinder und Jugendliche. Wir müssen aufhören mit Zensurenterror, Sitzenbleibenlassen und Auseinandersortieren (Eine Schule für Alle!). Mehr Zeit für den einzelnen Schüler, kleine Lerngruppen, Fortbildungs- und Anwesenheitspflicht für Lehrer, die Liste der erforderlichen Maßnahmen ist noch länger. Wenn wir uns für Demokratie statt PISAkratie entscheiden, dann werden die Deutschen irgendwann auch den Anschluss an die Weltspitze schaffen!