Eine Schule für alle, warum geht das hier in Finnland und nicht bei uns zuhause, so fragen wir uns immer wieder. Einfache Antworten auf diese Frage gibt es nicht, aber ein Bündel von Teilantworten kommt im Laufe der Zeit zusammen. Als ein wichtiger Aspekt wird der Mentalitätsunterschied genannt, der sich auch im anderen Kommunikationsverhalten der Finnen zeigt. Man ist geduldiger hier, drängt sich nicht vor, versucht, nicht anzuecken, stellt sich nicht so in den Vordergrund. In Deutschland versucht jeder, so wird aus finnischer Perspektive gesagt, sich mitzuteilen und damit auch zu zeigen, was für ein toller Hecht er ist. Man verwendet auch in der Kommunikation seine Ellenbogen, während Finnen sich eher zurückhalten und abwarten. Indem ich dies schreibe erhebt sich für mich die – wahrscheinlich sehr deutsche Frage: Läuft man dann nicht Gefahr, übersehen zu werden? Woher haben Finnen die Sicherheit, nicht übersehen zu werden, warum haben wir Deutschen (wenn man das überhaupt so allgemein formulieren kann) die Angst, dass wir nicht wahrgenommen, als Individuum berücksichtigt werden? Ist es in Finnland die Geschichte eines kleinen Volkes, das in seiner Vergangenheit viel Unterdrückung erlebt hat und oft herumgestoßen wurde, die ein sehr basales Gefühl der Solidarität untereinander stiftet? Ist es die Größe des Volkes, die zu der Überzeugung führt: Wir sind nur so wenige, deshalb ist jeder von uns wichtig?
Nach Schulz von Thun ("Miteinander reden") stecken in jeder Mitteilung verschiedene Aspekte. Auch nicht verbale Kommunikation ist Kommunikation. In dem, was ich miteile, drücke ich nicht nur etwas über eine Sache aus. Ich sage auch etwas über mich und etwas über mein Verhältnis zu meinem Gegenüber. Sich nicht hervor zu tun kann Verschiedenes bedeuten: Ich kann mich bescheiden zurück halten, weil ich mich in einer Gemeinschaft sicher fühle und mit dem Gefühl lebe, dass meine individuellen Interessen in dem großen Ganzen gut aufgehoben sind. Man kann sich aber auch zurückhalten, um ein Auffallen und Anecken zu vermeiden. Das ist der negative Aspekt: mich wegducken und hoffen, dass der Sturm vorüberzieht und mich nicht findet. Aber in bestimmten historischen Zusammenhängen sicher überlebenswichtig.
Nur nicht unangenehm auffallen, ist das nicht die Aufforderung der Generation, die sich in der Zeit des Faschismus ducken musste, an ihre Kinder? Ist nicht das die Geisteshaltung, gegen die die Nachkriegsgeneration mit allen zur Gebote stehenden Möglichkeiten sich aufgelehnt hat? Mit langen Haaren, lauter Musik, zerrissenen Klamotten, freizügiger Sexualität und Drogen haben wir gegen das Gebot des Nichtauffallens protestiert. Gleichzeitig haben viele dieser Generation sich nach Verhältnissen gesehnt, in denen Gleichheit herrscht: Gleichbehandlung, Gleichwertigkeit, Egalité! Viele von ihnen sind so weit gegangen, Bewegungen zu unterstützen, die schon durch ihr äußeres Erscheinen Gleichheit ausdrückten, denken wir nur an Bilder von Maos Roten Garden oder anderer, vom Anfangsgedanken her kommunistischer und sozialistischer Organisationen. Aus der Sehnsucht nach Zugehörigkeit und der Verbundenheit zu einem größeren Ganzen sind neue Uniformierungen entstanden, die so klar abgrenzbar und mit Namen belegbar waren, dass sie heute in immer neuen Retro-Wellen (fast) mühelos reproduziert werden können.
Ist vor diesem Hintergrund auch die Faszination unserer Eltern zu verstehen, die von Bildern der Aufmärsche des Nürnberger Parteitages, vom Gedanken der Volksgemeinschaft, ausgingen?
Hat „der Finne“ das Gefühl, in seinem größeren Ganzen gut aufgehoben zu sein? Kann die Existenz starker Gewerkschaften bewirken, dass die „Fratze des Kapitalismus“ sich verschwommener zeigt und das Gefühl gerechter Verteilung entsteht?
Andererseits: Können wir Deutschen in unserer Gesellschaft das Gefühl haben, dass schon gut für unsere Interessen gesorgt wird, wenn wir die Dinge einfach laufen lassen, uns zurückhalten, uns nicht zu Worte melden? Bekommt nicht in Deutschland der am meisten, der am lautesten schreit? Natürlich nur im übertragenen Sinne, wahre Lobbyarbeit spielt sich ja vorzugsweise im Verborgenen und unter Vermeidung großen Aufsehens ab.
Bei uns ist der Ellbogen allgegenwärtig. In der Alltagserfahrung gilt: Fährst Du nicht schnell genug, überhole ich dich. Drängelst du dich nicht vor, bin ich vor dir am Ziel und lasse nichts
vom Kuchen übrig. Hast du keine Lobby, sorgt meine Lobby dafür, dass ich noch reicher werde und du in Armut versinkst. Bürdest du nicht deinem Partner die Hausarbeit und die Kinderversorgung auf, machst du keine Karriere. Und: Erfüllen deine Kinder nicht die Anforderungen meiner Schule, schieben wir sie nach unten ab und sie können ihre Hoffnungen auf eine Karriere in der Gesellschaft schon nach der 4. Klasse begraben. A working class hero is something to be.
Eine Chance hat die Sehnsucht nach dem Aufgehobensein in einer größeren Gemeinschaft nur in Teilbereichen. Ich kann als Mitglied einer Partei, eines Fußballvereins, einer Pfadfindergruppe etc. diese Sehnsucht zum Teil stillen, mich mit den Emblemen der jeweiligen Gruppe ausstatten und meine Zugehörigkeit dokumentieren. Die Diskussion um die Einführung von Schulkleidung ist vor diesem Hintergrund zu verstehen. Aber man stelle sich einmal vor, diese Diskussion ginge um die Einführung einer einheitlichen Schuluniform für alle deutschen Schüler. Können wir das? Durch die Kleidung unserer Schüler (und vielleicht ja auch der Lehrer?) ausdrücken, dass sie Teil einer großen Gemeinschaft sind? „Corporate Identity“ schaffen, ohne die Zugehörigkeit zu einer ganz bestimmten Untergruppe hervorzuheben? Wäre das eine Erleichterung auf dem Weg zur „Einheitsschule“ oder „Gemeinschaftsschule“ oder einfach „Schule für Alle“? In Finnland trägt man keine Schuluniformen.
Die Frage nach Henne und Ei. Was war zuerst da? Das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Gleichheit als Grundlage von Demokratie? Oder schafft auch das Schulsystem, die Einheitsschule dieses Gefühl? Zumindest scheint Letzteres durch Ersteres verstärkt zu werden. Jedenfalls können wir nicht darauf warten, dass im deutschen Volk (oder ist die Formulierung ‚unter den Bewohnern Deutschlands’ nicht treffender?) eine so große Übereinstimmung entsteht, dass die Umstellung des Schulsystems (und damit die Finanzierung einer gerechteren, demokratischen Schulform) beschlossen wird. Vermutlich ist der einzige Weg – im übertragenen Sinne – der: „Crearemos dos, tres – muchos Vietnam“ (Che Guevara). Also an vielen Stellen Veränderungen versuchen, sich auf einen langen Weg einstellen: „Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot“, so lautet eine alte Siedlerwahrheit.
Wir sehen hier in Finnland, dass die Schule für Alle, die Gemeinschaftsschule, wie sie hier genannt wird, funktioniert. Durch den fehlenden Selektionsdruck ist die Atmosphäre in der Schule gut, geradezu entspannt. Jeder ist wichtig, keine Stigmatisierungen. Dass viel Frontalunterricht stattfindet (was uns zunächst enttäuscht), muss vielleicht aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen werden: Die Schüler sind entspannt und motiviert, das Lernen hat einen großen Eigenwert hierzulande, die Lehrer müssen nicht durch „Showeinlagen“ und Griffe in die „Trickkiste“ extrinsische Motivation schaffen. Andererseits wäre durch mehr Ermutigung und Anstiftung zu Selbsttätigkeit der Unterricht lebendiger und kreativer, der Lehrer weniger Unterrichtender als vielmehr Lernunterstützer, Coach. Ich bin etwas stolz darauf sagen zu können, dass es in Deutschland Schulen gibt, von denen auch die Finnen noch lernen könnten. Ein Besuchsverkehr in beide Richtungen, das wäre gut!