Pressemeldung Neue Westfälische

Warum Finnland Schule macht

Löhner Reisegruppe informiert sich über das Bildungssystem im hohen Norden


VON WIEBKE JOHANNING


Löhne. Die Finnen machen alles richtig. Jedenfalls wenn man der Pisa-Studie Glauben schenkt.

Darin hatten Forscher die Bildungssysteme von 41 Staaten unter die Lupe genommen und Finnland die besten Noten ausgestellt. Um zu überprüfen, was dran ist am skandinavischen Bildungswunder, haben das Schulverwaltungsamt Löhne und die Stätte der Begegnung in Vlotho nun eine Bildungsreise nach Finnland unternommen.


13 Teilnehmer, darunter auch der SPD-Stadtverbandsvorsitzender Egon Schewe sowie Lehrer und Studenten aus ganz OWL, haben sich in der ersten Mai-Woche auf eigene Kosten auf den Weg nach Jyväskylä in Mittelfinnland gemacht. In der 85.000-Einwohner-Stadt nördlich von Helsinki verschafften sie sich einen Überblick über das finnische Schulsystem, vom Kindergarten über die Vorschule, bis zur Gesamtschule, die von der 1. bis zur 9. Klasse reicht, und der darauffolgenden Oberstufe.


„In Finnland gibt es kein mehrgliedriges Schulsystem wie bei uns“, erklärt Gerd-Arno Epke vom Schulverwaltungsamt, der die Reise organisiert hat. „Alle Kinder gehen in die gleiche Schule, Noten gibt es erst ab der 6. Klasse. Sitzenbleiben kann niemand.“ Hierin liege die Stärke des finnischen Systems: „Selektion gibt es nicht. Niemand wird aufgegeben. Wer Schwächen hat, wird gefördert.“ Auch die Ausstattung der Schulen sei sehr viel besser als in Deutschland: „In einem Musikraum, den wir besucht haben, hingen 28 Gitarren an der Wand, für jedes Kind eines“, erinnert sich Epke. An jeder Schule gebe es eine Kantine, das Essen sei für alle Kinder kostenlos. Auch eine moderne Computerausstattung gehöre zum Standard an den Schulen.


„Bildung ist das einzige Gut, über das Finnland verfügt. Deswegen wird dort viel Geld in die Schulen und Kindergärten gesteckt“, sagt Epke. Ein solches Bewusstsein würde in Deutschland noch fehlen. Sein Eindruck: „Bei uns fallen zu viele Kinder aus sozial schwachen Familien aus dem Bildungssystem heraus.“ Tatsächlich hat die Pisa-Studie ergeben, dass in keinem anderen Land der Bildungserfolg so sehr von der sozialen Herkunft abhängt wie in Deutschland.


Allerdings habe auch das finnische Bildungssystem Schwachstellen, so Epke: „In unserer Reisegruppe gab es einige Lehrerausbilder, die entsetzt waren über die veralteten Lehrmethoden. In Finnland läuft viel über Frontalunterricht.“ Außerdem seien Lehrer schlechter bezahlt: „Viele wechseln den Beruf, weil die Belastung zu hoch ist.“


Epkes Resümee: „Finnland ist kein Paradies, aber es gibt viele interessante Ansätze, von denen unser Schulsystem profitieren könnte.“ Doch nicht nur der Norden, auch der Süden kann als Vorbild dienen. In der kommenden Woche veranstaltet das Schulverwaltungsamt eine Reise nach Bozen in Südtirol, um dort Bildungseinrichtungen zu besuchen. Die Südtiroler Schüler hatten in der Pisa-Studie ebenso gut abgeschlossen wie ihre finnischen Altersgenossen.


© 2007 Neue Westfälische

Löhner Nachrichten, Freitag 11. Mai 2007

 

Anmerkung: Jetzt bin ich per Zeitungsartikel zum Löhner geworden! Na, auch nicht schlecht.

 

Kommentare

Leserbrief von Rainer Uffmann, Löhne

Zu dem Artikel „Warum Finnland Schule macht“ in der „Löhner Zeitung“ vom 11.05.07 einige Anmerkungen: Wir müssten ‚nur’ die Denkrichtung ändern! Mitglieder einer Studienreise nach Jyväskylä in Mittelfinnland auf der Suche nach der besseren Schule erleben in dortigen Schulen Frontalunterricht. Die Schüler sitzen an nach vorne ausgerichteten Einzeltischen. Die Klassenstärken sind ähnlich wie in Deutschland. Das irritiert wohl jeden deutschen Besucher finnischer Schulen (die Finnen haben das Problem längst erkannt und arbeiten daran). Die Irritation währte in unserer Gruppe nur kurz. Jeder Tag in Schulen gemeinsamen Lernens in Klassen von 1 - 9 und einem Kindergarten mit angegliederter Vorschulklasse (bei uns wäre das ein erstes Schuljahr) brachte uns dem Geheimnis des erfolgreichen finnischen Schulsystems näher: Gegenseitige Wertschätzung, Achtsamkeit, Rücksichtnahme, Vertrauen, Respekt, Gleichberechtigung, Chancengleichheit, Heterogenität, Selbstverantwortung: Das sind u.a. die Grundlagen für einen gesellschaftlichen Konsens über den richtigen Weg im finnischen Bildungssystem. Im Zentrum aller schulischen Arbeit steht das Wohlbefinden aller, die im schulischen Alltag miteinander umgehen. Das Wohlbefinden wird als Grundvoraussetzung für Lernmotivation und Lernerfolg schlechthin bezeichnet. Alle lernen nicht gleich, aber jeder kann lernen und: Jeder ist für etwas wichtig und jeder in irgendeinem Bereich gut. Reinhard Kahl, ein bekannter Bildungsjournalist fasst das so zusammen: „Eine Schule ohne Beschämung ist kognitiv überlegen.“ Allein das respektvolle und achtsame Miteinander der Kinder vom Kindergarten bis zu den Klassen 9 untereinander - und natürlich auch von Lehrern und Schülern - war eine prägende und überzeugende Erfahrung für die ganze Gruppe. Eine Vermutung drängt sich auf: Das ist ein Ergebnis gelebter Wertschätzung. Fazit: Eine gute Schule ist: 1. eine gemeinsame Schule für alle Kinder ohne Selektion und den damit verbundenen Demütigungen, 2. eine Wohlfühlschule, in der jeder so akzeptiert wird, wie er geschaffen wurde, 3. eine Schule, die Stärken sucht, anerkennt und optimal fördert. Vision: Deutsche Eltern fordern für ihre Kinder so eine Schule, die endlich Chancengleichheit verbunden mit Wertschätzung realisiert und in der alle Kinder - egal welcher Herkunft - willkommen sind und ohne die drohende Selektion gemeinsam lernen können! Übrigens: Die Finnen können auch nachweisen, dass Kinder ausländischer Mitbürger problemlos in das System integriert werden können. Rainer Uffmann, Löhne