Es geht um Lernen! – Es soll keiner verloren gehen!
Menschen und besonders Kinder sind neugierig. Sie wollen wissen, wie etwas funktioniert, wie etwas heißt, was man damit machen kann, wie sich etwas anfühlt...
„Wissen wollen“ passiert bei uns Menschen, es geschieht wie der Atem, wie der Stoffwechsel in unserem Körper. Und es können auch Störungen, Verzögerungen, Behinderungen, Einschränkungen, Krankheiten auf dem Entwicklungsweg des „Wissen wollens“ bzw. Lernens entstehen.
Auch in Finnland gibt es unterschiedliche Entwicklungswege menschlichen Lernens so wie in Deutschland. Und jedes Land, jede Kultur entscheidet sich für ein Vorgehen und Umgehen mit dieser Unterschiedlichkeit des Lernens. Wir in Deutschland haben uns zu dieser Unterschiedlichkeit bekannt und diese in einem dreigliedrigen Schulsystem mit zusätzlichen Sonderschulen festgelegt. Nach der vierten Klasse wissen wir schon ziemlich genau, wie schnell, langsam, gut oder schlecht ein zehnjähriges Kind lernen kann.
Die Finnen hingegen wissen, dass ein Kind lernen will. Und darum übernehmen finnische Eltern, Pädagogen und Politiker von Anfang an die Verantwortung, genau zu beobachten, was das Kind braucht, um das „Lernen-Wollen“ nicht zu verlieren, bzw. wieder herzustellen oder es zu unterstützen.
Im finnischen Bildungssystem werden Lernentwicklungen bei Kindern begleitend während ihrer gesamten Lernentwicklung evaluiert. Diese Evaluationen dienen aber nicht dazu, qualitative Lernunterschiede von Kindern strukturell im Schulsystem festzuschreiben, sondern gleichwertige Möglichkeiten des Lernens anzubieten. Schon im Kindergarten wird auf diese Unterschiede konstruktiv und systematisch reagiert. Kindergärtnerinnen mit einer universitären Ausbildung, ein hoher Personalschlüssel und kleine Gruppen bilden den äußeren und die Wertschätzung jedes Kindes und der Gemeinschaft den inneren Rahmen einer erfolgreichen Frühförderung zu Neugier, Toleranz und Verantwortung. Durch Tests in der Vorschule (6 bis 7 – Jährige) und ein begleitendes Portfolio für jedes Kind wird der Bedarf an Förderunterricht und Unterstützung für die Grundschule ermittelt und für das Kind bereitgestellt.
Sowohl diese Selbstverständlichkeit von Förderung und damit von Unterschiedlichkeit als auch die Verantwortung für die Gemeinschaft und damit die Notwendigkeit von Disziplin ermöglichen in Finnland ein Lernklima von dem viele deutsche Lehrer/Lehrerinnen und Schüler/Schülerinnen nur träumen. In Finnland geht es wirklich erlebbar um Lernen und nicht um Noten, Schulpflicht und disziplinarische Maßnahmen. In Deutschland kann man eher von einem widerständigen Lernen sprechen, in Finnland hingegen steht das selbstverständliche Lernen im Vordergrund. Im finnischen Bildungssystem geht es einfach um Lernen –professionell, menschlich und pragmatisch!
Es soll keiner verloren gehen!
Nach Hurrelmann sind ca 20 % unserer Hauptschüler – größtenteils Jungen mit Migrationshintergrund – ohne Abschluss, nicht mehr in das Berufsleben integrierbar und kriminell gefährdet. In Jyväskylä (83 000 EW) haben im letzten Jahr 700 Schüler/Schülerinnen die neunte Klasse abgeschlossen, davon haben fünf, d.h. 0,7 %, kein Zeugnis bekommen. „Sie sind verloren gegangen. Das darf nicht passieren! Daran müssen wir noch arbeiten“, sagt der Direktor des Schulamtes von Jyväskylä. Ich war sprachlos, als ich diese Stellungnahme hörte. Ein Verwaltungsbeamter im Schulamt weiß um diese fünf verloren gegangenen Schüler, macht sich Sorgen um diese und übernimmt die Verantwortung, indem er Veränderungen im System erreichen will. Die Gelenkstelle zwischen dem neunten Schuljahr und der gymnasialen bzw. berufsorientierten Oberstufe sei die kritische Stelle. Der „Oppos“ oder auch Schullaufbahnberater müsse an dieser Stelle noch mehr betreuen, damit kein Schüler verloren gehe.
Natürlich haben wir mit Finnland im Vergleich zu Deutschland ein Land mit einer viel geringeren Bevölkerung, weniger Migranten und einer anderen Geschichte. Und trotzdem kann das keine Rechtfertigung für unser deutsches Bildungs-Verlustgeschäft sein! Wir verlieren nicht nur viele Schüler als Arbeitskräfte, sondern wir produzieren systematisch Menschen, die unsere Gesellschaft und sich selbst gefährden. Das ist menschlich und volkswirtschaftlich ein Skandal.
Unsere Hospitation an der Gemeinschaftsschule Kilpisen Koulu für die 7. bis 9. Klassen hat mir die Augen und das Herz für eine qualifizierte und systematische Betreuung und Förderung von Schülern/Schülerinnen mit Lern- und Verhaltensschwierigkeiten geöffnet. Oppos sind nur Oppos und keine Lehrer. Sie sind vielseitig ausgebildet und setzen sich für die Schüler/Schülerinnen ein. Welche Lernstrategien braucht der Schüler, um besser lernen zu können? Sind es zeitlich begrenzte Schwierigkeiten, längerfristige Schwierigkeiten oder braucht er vielleicht Einzelunterricht? Die Antworten auf diese Fragen führen in einen individuell gestalteten Förder- oder Rahmenplan. Diese HOPPI oder HOJKS sind oft eine Rettung für den Schüler/die Schülerin, denn nur so bleiben die Wege in die weiterführenden Schulen offen. So bleibt für alle finnischen Schüler/Schülerinnen die Chance auf ein selbstbestimmtes und erfolgreiches Leben und dieses ist nicht wie für viele unserer Hauptschüler stark gefährdet oder sogar verbaut.
„Niemand fällt durchs Netz!“ sagte der Oppo und ich dachte, das ist eine schöne Vision für Deutschland! Hoffentlich, denn wir können uns diesen gesellschaftlichen Verlust von Menschen nicht leisten und ihn nicht verantworten.
Und wie geht es weiter?
Nach meiner Ankunft hier in Deutschland ergriff mich immer wieder diese finnische Zurückhaltung und Melancholie. Ich bin noch ziemlich ratlos, wie ich meine Eindrücke und Visionen in politische Handlung umsetzen kann. Persönlich bin ich wunderbar realistisch vom finnischen Bildungssystem, so wie ich es begrenzt erleben konnte, erfüllt und besonders mit all seinen Unzulänglichkeiten beeindruckt.
Das Wunderbare ist, dass ich nicht begeistert euphorisch davon schwärme, sondern so wie die Finnen mit beiden Füßen auf der Erde davon berichten und fühlen kann.
Es war und ist einfach eine nachhaltige Finnlandreise.
Anne Engelhardt Lengerich, 14.Mai 2007