Gedanken zur Finnlandreise

Dass es in Finnland einen breiten gesellschaftlichen Konsens zu geben scheint, der die eine „Schule für Alle“ trägt, das hat mich am stärksten beeindruckt. Und dass die finnische Gesellschaft, die ja immerhin auch auf einem kapitalistischen Wirtschaftssystem basiert, bereit ist, so viel Geld für ihren Nachwuchs auszugeben. Aber vermutlich ist es so, dass sich die Investitionen volkswirtschaftlich rechnen, was doch auch für uns Deutsche ein gutes Argument sein müsste (wahrscheinlich in der Zukunft auch verstärkt sein wird), wenn schon der Anspruch, keinen zu verlieren, hierzulande nur wenige Anhänger findet.

Gute Bildung für Alle gibt dem Einzelnen die größtmögliche Freiheit der persönlichen Entwicklung: keine Wege werden abgeschnitten. „Schau um dich: Wer möglichst viele Möglichkeiten hat, dessen Freiheit ist es“ (Schmetterlinge).

Die Einsicht, dass die Mentalität der Finnen eine große Rolle spielt, ist nicht unbedingt ermutigend: Wie soll man die Mentalität eines Volkes ändern? In welchen Zeiträumen muss da gedacht werden?

Die Enttäuschung über das Vorherrschen von Frontalunterricht (zumindest in den von uns besuchten Schulen zumindest zum Zeitpunkt unserer Hospitationen) war eine Ent-Täuschung im Sinne des Wortes: Wer nach Finnland fährt, um ein erfolgreiches Schulsystem zu besichtigen, täuscht sich offensichtlich leicht in Bezug auf seine didaktisch-methodischen Erwartungen. Der „Arbeitsfrieden“, der durch umfangreiche Förderung schon vom Kindergarten an erreicht wird, scheint eine ausreichende Grundlage für gute Ergebnisse zu geben. Aber sind Individualisierung, Selbsttätigkeit, Entwicklung von Kreativität nur Sperenzchen, die das finnische Schulwesen nicht braucht? Hier wäre weitergehende Recherche interessant.

Bewundernswert die ruhige, ausgeglichene Atmosphäre in den Schulen. Keine Hektik, keine Aggressivität, bescheidene Freundlichkeit in Lehrerzimmer und Klassenräumen. Man hat nicht das Gefühl, sich auf einem Schlachtfeld zu bewegen, wie das in deutschen Schulen oft ist.

Wir produzieren unsere Probleme selbst, und zu viele bleiben auf der Strecke. Nicht nur Schüler, auch die Lehrer zählen zu den Opfern. 95% der psychosomatischen Klinikbetten, von denen es in Deutschland mehr gibt als in allen uns umgebenden Ländern zusammengenommen, sind von Lehrern belegt, so Manfred Spitzer.

Die Schlacht wird nicht entschärft, wenn mehr Sanitäter auf das Schlachtfeld geschickt werden, mögen sie jetzt „Schulpsychologe“, „Schulsozialarbeiter“ oder „Oppo“ heißen. Auch wird sie nicht entschärft, wenn sie auf den Nachmittag ausgedehnt wird.

Die grundlegende Beschämung liegt im System, in der Tatsache, dass es für einen Schüler neben der Schule, die er besucht, noch eine Schule (bzw. mehrere) gibt, für die er „nicht gut genug“ ist.

Für uns geht es m.E. um zweierlei: Schon jetzt möglichst viele Schulen gut zu machen (wie z.B. die Preisträger des Deutschen Schulpreises, die alle integrative Gesamtschulen sind – denn dazu kann man die Grundschulen ja auch rechnen) und gleichzeitig die radikale Umstrukturierung des Schulsystems (also ein Verbot der Aussonderung) zu propagieren und zu fordern.